Kindesmisshandlung in Pfarrhäusern

 

     
  Utu schreibt  
  Ich bin zwar kein Pfarrerskind, bin aber von einem späteren katholischen Pfarrer sexuell missbraucht und von einem anderen Pfarrer zu einer Zwangsbeichte wegen des sexuellen Missbrauchs durch meine Mutter gezwungen worden.  
  Die Geschichte steht unter http://www.aufrecht.net/utu/sexueller_missbrauch.html . Ich wünsche dieser Initiative alles Gute und Erfolg im Wachrütteln des öffentlichen Interesses.  
Ein weiteres Tabu wartet darauf, gebrochen zu werden. Leider kenne ich die Diskrepanz zwischen den moralischen Ansprüchen kirchlicher Kreise (beider Konfessionen) und der heimlichen Realität hinter hohen Schweigemauern nur zu gut. Utu  
     
  Anna schreibt       
  Ich wurde als Pfarrerstochter in den sechziger Jahren in einer deutschen Kleinstadt geboren.  
  HInter der gutbürgerlichen Pfarrhausfassade herrschte Gewalt und Verbrechen.  
  Meine komplette Kindheit und Jugend war überschattet von massiver psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt seitens meiner Eltern und Geschwister.  
  Mein Vater vergewaltigte mich als Säugling oral, später vaginal und anal.  
  Meine Mutter schlug mich mit dem Kochlöffel auf den nackten Hintern, gab mir Ohrfeigen und zerrte beim Haarebürsten brutal an meinen Haaren.  
  Mein Bruder folterte und vergewaltigte mich brutal und bedrohte mich mit einem Messer.  
     
  DIe Gehirnwäsche, der ich unterzogen wurde ("Deine Eltern sind gut") wurde gestützt durch eine rigide religiöse Erziehung, die sehr stark mit Schuld und Scham operierte.  
  So war ich über Jahrzehnte zum Schweigen verdammt.  
  Erst mit Ende 30 erkannte ich, daß ich die meiste Zeit meines Lebens in einer Depression verbracht hatte. Ich erfuhr, daß was für mich normal war in der Fachsprache "posttraumatische Belastungsstörung" heißt.  
  Ich konfrontierte meine Familie mit den Gewalttaten und wurde von einigen wenigen Verwandten bestätigt.  
  Meine Kernfamilie reagierte mit Enterbung und diversen juristischen Verfahren, die sie gegen mich anstrengte.  
  Würde ich öffentlich über meine Erlebnisse sprechen, müßte ich mit hohen Geldstrafen rechnen.  
  Das ist es, was man Schweigemauer nennt.  
     
  Pfarrerssohn (50) schreibt:  
 
Mich begleitet das Thema körperliche und sexuelle Gewalt durch meinen Vater, ehemaliger evangelischer Pfarrer irgendwo in Deutschland, jeden Tag.
Meine Mutter war allerdings auch nicht viel besser, sie machte es nur anders.
An manchen Tagen habe ich soviel Wut in mir und dann wieder der Versuch alles zu verdrängen.
Mein tägliches Kopfkino lässt mich oft nicht einschlafen. Körperliche Folter, sexuelle Folter und seelische Grausamkeiten sind dann wieder so nah wie damals als Kind und Teenie. Dann auch wieder die Scham und die Schuldgefühle, weil ich als 12-13-14 jähriger auch oft aktiv mitgemacht habe. Meine ersten Erinnerungen daran habe ich ab etwa meinem 5. Lebensjahr, aufgehört hat es mit 16 Jahren. Aber das kann man ja Keinem erzählen. Man kann überhaupt keinem erzählen was wir damals gemacht haben. Viele Dinge kommen einfach in den Köpfen normal denkender Menschen nicht vor. Viele Dinge sind höchstens den BKA Beamten bekannt beim Sichten von Kinderpornografie.
Es ist gut, dass das Thema sexuelle Gewalt  (auch grade an Jungs) jetzt endlich mal aus der schmuddeligen Tabuecke raus kommt, aber ich glaube der Ottonormalverbraucher hat nur den Begriff Missbrauch im Kopf, aber hat keine Vorstellung von Dem, wie das für den Betroffenen ist und wie das abläuft. Es ist ja nicht nur Gewalt durch Penetration.
Das ist nur ein kleiner Teil dessen was das wirklich ist.
Auf der einen Seiten gibt es jetzt viel mehr Aufmerksamkeit auf das Thema, aber darüber reden kann man immer noch nicht. Ich weiss, viele sagen, es ist ja schon mal gut dass das Thema ins Bewusstsein der Menschen gekommen ist. Für mich ist es oft aber nur etwas oberflächlich.
Einer sagt laut JA, wenn er gefragt wird, ob er gegen Kindesmissbrauch ist.  Aber er weiss gar nicht was das ist. Das kommt mir oft so vor wie wenn einer gegen ein Partei ist ohne zu wissen was die eigentlich wollen und was ihre Kernpolitik und ihre Ziele und Strukturen sind.
Wobei ich selber den Ausdruck "sexueller Missbrauch"  völlig falsch finde und auch nie benutze. Ich nenne es sexualisierte Gewalt oder körperliche Gewalt. Mann KANN KEIN Kind und KEINEN Teenie sexuell missbrauchen. Das würde ja bedeuten, dass man Kinder und Jugendliche auch sexuell gebrauchen könnte. Wer den Begriff mal eingeführt hat , hat nicht wirklich darüber nachgedacht.
Ich fühle mich oft nur viel besser verstanden und vertreten wenn ein Mann oder eine Frau sexualisierte Gewalt selber erlebt hat weil sie alle Facetten, von Schmerz und Ekel bis hin zu Erregung und Orgasmus und schönen Gefühlen dabei erlebt haben. Bei mir war es so heftig, dass ich mich ab dem 12. Lebensjahr im Schwimmbad in der Männerdusche oder auf dem öffentlichen Männerklo selber prostituiert habe. Das ist sexualisiertes Verhalten in der Vorpubertät und Pubertät. Ich hab mich selber zum Opfer gemacht, ich habe diese Opferrolle gesucht. Dieses Verhalten entdecke ich oft noch heute an mir. Ich krieche gerne unterm Teppich durch und gehe den untersten Weg. Das ist mir ja als Pfarrerssohn auch jahrelang so eingetrichtert worden und ich fühle mich dafür schuldig. Das Thema Schuld ist in der christlichen Religion ja sowieso ein beliebtes Thema. Seelig sind die Demütigen...... oder: wer von euch ohne Sünde ist werfe den ersten Stein.
Ich bin nicht ohne Sünde, also halte ich schön meinen Mund. Das Mundhalten war für mich auch die ganzen Jahre ein Schutz, um mich damit nicht auseinander setzen zu müssen.
Nein, ein Herr ..............  macht sowas nicht, er ist ein tief gottgläubiger Mann, ein Vorbild auf allen Bereichen. Ich hätte mich nur selber lächerlich gemacht, wenn ich das öffentlich gemacht hätte, was bei uns zu Hause gelaufen ist . Kinder haben keine Lobby.
Also: dann Mund abputzen und weiter machen. Warum auch alte Kamellen von vor 40 Jahren rauskramen ? Teppich anheben, alles wieder drunter kehren wo ich es her geholt habe, Teppich wieder drüber. Fertig.
Sieht doch gut aus oder ? Alles ist schön sauber.
Ich sitze auf einem Pulverfass und dieses Pulverfass darf nicht explodieren weil ich dann für nichts garantieren kann. Aber der Täter ist schon gestorben und wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein.
Die Spätfolgen aus jahrelanger Folter haben mich lebensuntüchtig gemacht. Meine Ehe zerbrach, meine Kinder wuchsen bei der Mutter auf und ich durfte sie ab und zu mal sehen weil sie über 600 KM von mir entfernt lebten. Danach war meine Kraft völlig am Ende und ich wurde arbeitsunfähig und lebe heute von einer kleinen Arbeitsunfähigkeitsrente in einem Miniappartment.
Ich möchte manchmal schreien aber ich kann nicht. Bin wie gelähmt.
Ich bin ein Überlebender und diesen täglichen Überlebenskampf hab ich bis heute trotz zweier Suizidversuche gewonnen. Hoffentlich bleibt es dabei.
Manchmal würde ich gerne mit einem Mann darüber reden, der Ähnliches erlebt hat wie ich. Jemand , der körperliche Gewalt in Form von Schlägen mit Händen und Holzlatten und Kochlöffeln und Kleiderbügeln und über Jahre hinweg sexualisierte Gewalt erlebt hat. Jemand, der dass Alles überlebt hat und jeden neuen Tag weiter lebt.
Wie haben ihn diese Erlebnisse verändert und wie lebt er heute damit und welche
Strategien hat er damit umzugehen und zu überleben.
Was hat ihn stark gemacht und was gibt ihm die Kraft, weiter zu gehen und nicht völlig aufzugeben.
Meinen persönlichen Glauben habe ich behalten aber mit der Institution Kirche habe ich gebrochen, auch zu meinem eigenen Schutz.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Pfarrerssohn (50)
 
     
  Helena schreibt  
  Ich bin kein Pfarrerskind. Möchte nur kurz erzählen.  
  In den 60.Jahren besuchte ich als angehende Konfirmandin den Religionsunterricht bei unserem evg. Pfarrer. Ich war ein schutzloses Waisenkind und mußte seinen Frust ertragen. Die Kniffe in meine Wangen rechts u.links, dabei noch eine Drehung, waren einen Tag später als Blutergüsse zu sehen.  
  Es hat sehr wehgetan und in meinem Herzen schmerzt es immer.  
     
  Marianne Kawohl (Dipl.-Päd.)  
  schreibt in einem Leserbrief an das christliche Magazin idea Spektrum, der der Redaktion zugeschickt wurde:
"Betr: Lesermeinung zu "Ist das Zölibat die Ursache für Kindesmißbrauch? " Heft Nr. 6 vom 10.2.2010, S.8-9
Guten Tag,
Nicht, um die katholische Kirche, den Zölibat und den Klerus zu verteidigen oder in Schutz zu nehmen, sondern der Fairness und der Wahrheit wegen möchte ich aus meiner fast 30jährigen Psycholog. Beratungspraxis mitteilen:
Bei verheirateten, nicht-katholischen Männern, Seelsorgern aus Evang. Freikirchen, Evang. Landeskirchen und aus evangelikalen Missionswerken ließe sich in etwa der gleiche Prozentsatz an sexuellem Mißbrauch nachweisen, - wie es ja auch am Schluß Ihres Beitrags angedeutet wird - wenn die Betroffenen sich ehrlich outen würden.
Da sind es dann allerdings häufiger Väter (leider auch Prediger, Verkündiger des Evangeliums und der Moral usw.), die ihre Töchter, oder Lehrer, die ihre Schülerinnen usw. sexuell missbrauchen.
Die oft sehr tragischen und dramatischen Auswirkungen kann ich dann in meinen psychologischen Sprechstunden mit den Geschädigten aufarbeiten...
Fazit: Sexueller Mißbrauch von Kindern ist kein katholisches, kein zölibatäres, auch kein konfessionelles oder religiöses Problem. Täter und Opfer haben jeweils eine eigene Biographie, eine oft traurige Vorgeschichte (damit wird nichts beschönigt!) - z.B. ungestillte Sehnsucht nach Nähe und Berührung, nach Geborgenheit und Verständnis - die es aufzuarbeiten gilt in sehr mühsamer Kleinarbeit  ..."
 
     
  Gegenwind schreibt  
  Als Kommentar zu den bisherigen Berichten hier ein Kapitel aus meiner inzwischen veröffentlichten Autobiografie: Aufzeichnungen aus einer Diktatur:
Der Kukurutz
In unserer donauschwäbischen Küche wurde viel Kukurutz verwendet. In der damaligen Zeit aßen die Deutschen keinen Kukurutz, der Mais wurde an die Schweine verfüttert. Um so erstaunter waren die Besucher des Hauses, wenn sie zum Maiskolbenessen eingeladen wurden, manchmal gab es sogar Maiskuchen Was diese Besucher nicht wußten, war die andere Seite des Maiskolbens. Er diente nämlich dem Diktator als ausgezeichnetes Folterinstrument. Wenn der Vater wieder einmal schlechte Laune hatte, und das kam häufig vor, genügte schon ein geringfügiger Anlaß, seinen Zorn zu erregen. Sprang beim Mittagessen nicht sofort eines der Kinder auf, um Getränke aus dem Keller zu holen , zog dies eine Strafaktion nach sich. Prügelstrafe oder Knien auf Maiskörner waren die Varianten. Letzere wurde vom Diktator bevorzugt, weil es den Vater mit zunehmenden Alter anstrengte, den Bambusstock auf unseren Hinter niedersausen zu lassen. Das Bestrafungsritual sah so aus: Der Übeltäter mußte mit kurzen Hosen. im Sommer wie im Winter auf dem nackten Steinboden knien. Dort waren Maiskörner gestreut, worauf sich der Übeltäter zu knien hatte. Einige Stunden lang. Am Anfang tat es nicht weh, aber mit der Zeit gruben sich die anderen Körner in die Haut ein und hinterließen blutige Stellen. Es war ein grausame Strafe.
Besuch bei der Nachbarin
Der Diktator pflegte Besuche bei allen Konfirmandeneltern zu machen. So geschah es, daß er auch unsere Nachbarin besuchte. Dort wurde ihm mitgeteilt, daß ich ab und zu mit der Tochter unseres Nachbarn mich abends unterhalte. Ja manchmal seien wir gesehen worden, wie wir uns sogar am Fenster zuwinkten. Das war eine Ungeheuerlichkeit in den Augen des Diktators. der schwergewichtige Mann stürmte sofort nach Hause, schloß sich in sein Amtszimmer ein und heizte den Ofen bis zur Weißglut. Jetzt wartete er auf mich. Als ich kam, fing er mich sofort an der Treppe ab, stieß mich in sein Amtszimmer, holte den Bambusstock heraus, und prügelte mich durch. - Dir werde ich es zeigen, was fällt dir ein, du Bürschchen, mit der Nachbarstochter zu poussieren. Strenges Ausgangsverbot erteile ich dir. Und für einige Zeit wirst du nicht mehr mit uns am Tisch sitzen dürfen. Ab in dein Zimmer und verlasse es nur, wenn du Schule hast. - Die Mutter heulte, aber fügte sich wie immer den Anordnungen ihres Mannes. Dann wurden die Rolläden heruntergelassen, am hellichten Tag übrigens. Nachts, so berichtete es mir eine Tante, die im Amtszimmer Wache schieben mußte, wurden Küchenmesser, Äxte und Stöcke an die Erwachsenen verteilt. Jeden Abend versammelte sich die Familie im Wohnzimmer und dort wurde der Choral "eine feste Burg ist unser Gott" von meinen Eltern gesungen, während meine Geschwister den Gesang mit ihren Instrumenten begleiteten. Ich durfte zur Strafe nicht an diesem Gottesdienst teilnehmen, das war der Ausdruck des Diktators für diese Versammlung, sondern mußte 100 mal fein säuberlich schreiben "Du sollst Vater und Mutter ehren" Diese Strafaktion dauerte ungefähr 14 Tage, dann hatte sich der Zorn des Diktators etwas gelegt. Es gab kleine Lockerungen. Ich durfte jetzt in Begleitung meiner Geschwister einkaufen oder auch einen Spaziergang machen.